Männergefühle


Die modernen Gesellschaften erwarten vom männlichen Geschlecht angesichts der 'ursprünglich' von ihm zu erfüllenden Verantwortungen, stets vernunftorientiert, emotionslos und rational zu handeln. Bereits in der frühen Kindheit lernen die Jungen "bestimmte stereotypen Verhaltensmuster", mit denen sie sich als 'Mann' identifizieren sollen. Komischerweise würde der Ausdruck jeglicher Form von "Gefühlen" im Erwachsenenleben, insbesondere in der Öffentlichkeit, als ein Indiz der psychischen Instabilität und somit als Schwäche gelten. Gefühle wie Angst oder Trauer zu zeigen, wird selten von Männern erwartet. "Das männliche Rollenbild führt oft zu inneren Konflikten. Manchmal mündet es sogar in eine schwere Depression." Das Phänomen ist ein Tabu (also von der Gesellschaft nicht akzeptiert). Dies geschieht, während sich die Grundstruktur der Familien seit den letzten Jahren grundsätzlich verändert, immer wieder mehr Frauen vom traditionellen Haushalt in die Berufswelt einsteigen und dadurch die bereits bestehenden, vorgegebenen Rollen zerbrechen. Es mag zwar stimmen, dass sich diese Erwartungen bereits im Laufe der Evolution sowie der Zivilisation ausgeprägt und innerhalb der Kulturen etabiliert haben. Dennoch scheint die Thematik komplizierter zu sein, als man sie mit einer simplen Historisierung erklären könnte. 

Mit Freud entdeckte man bereits vor ungefähr 130 Jahren die Funktion des Unbewussten und die damit verbundenen Besonderheiten. Verdrängt man Gefühle oder Gedanken - mit denen man nicht gerne konfrontiert wird -, so landen sie in unser Unbewusste, zeigen sich in scheinbar unabhängigen Situationen in veränderten Formen wieder und können auf langer Sicht psychische Störungen, insbesondere Depressionen hervorrufen. Dabei unterscheidet sich eine Depression bei Frauen von einer Männerdepression hinsichtlich der Symptome. "Während bei einer Frauendepression Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Antriebslosigkeit und Rückzug zu erkennen sind, fällt eine Männerdepression in Gereiztheit, Aggressivität und Wut aus. Üblicherweise versuchen Männer oft auch ihre Depression wegzutrinken." Wenn man nun dieses Phänomen auf der gesellschaftlichen Ebene betrachtet, könnte man nützliche Analysen hinsichtlich der Gewalt und Aggression sowie sexueller Diskriminierung unter den sozialen Milieus, in verschiedenen Altersgruppen, im Berufsfeld und in den Bildungsorganisationen durchführen. "Viele der spezifisch männlichen Probleme wie Obdachlosigkeit, Suizid, Burn-Out, Gewalt, Schulversagen oder Alkoholabhängigkeit werden gar nicht als männliche Probleme wahrgenommen, sondern als allgemein soziale." Eine genderspezifische Behandlung gewinnt deshalb mehr als je zuvor an Relevanz.

Demzufolge kann man mit Gewissheit darüber berichten, dass anhand der neuen psychologischen Entdeckungen und im Hinblick auf die Veränderungen der modernen Gesellschaften die neue Männer-Welt mit vielen Problemen verbunden ist, die für Depressionen, Aggressivität und sogar Radikalisierungen mögliche Erklärungen anbieten können. Kommt man diesen Problemen auf die Spur, fragt man sich, wie es dazu kommt, dass die sozialen Voraussetzungen so aufgestellt sind, dass man als 'Mann' auf seine natürliche Eigenschaften verzichten soll, um von der Gesellschaft nicht abgestoßen zu werden. 
Nach Freud sei die Libido durch das Über-Ich so kontrolliert, dass die Gedanken, Gefühle und insgesamt die Inhalte des Ich sowie die Bedürfnisse des Es an die gesellschaftlichen Normen angepasst werden. Was passiert aber, wenn diese Anpassung zur Unterdrückung wird? Was würde geschehen, wenn die Aggression bei Kindern und Jugendlichen nicht behandelt, sondern nur noch bei aggressiven Videospielen wie GTA (Grand Theft Auto) ausgelassen wird, in der man ein Hobbykiller sein kann, ein echter 'Gangster', unbeachtet, unbestraft und 'frei von jeglichen Vorurteilen'? Was führt dazu, dass immer wieder weniger Männer als Frauen zur Universität gehen, immer wieder mehr Männer zum Suizid greifen oder sich den gesellschaftlichen Verpflichtungen entziehen? Sind etwa die feministischen Unternehmen daran schuld, dass es zu einem Ungleichgewicht bei der Behandlung beider Geschlechter gekommen ist? Kaum. 

Die Geschlechtsfreiheit gilt zwar als ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie. Jedoch die zunehmende Rollen-/Aufgabenverteilung in dem modernen Leben überfährt deren ethnisches Prinzip, indem die männliche Verantwortungsübernahme in eine neue Rahmenbedingung verfällt. Da die Männer schon lange vor den ersten Zivilisationen hauptsächlich für den Schutz der Familienmitglieder vor den Raubtieren und anderen natürlichen Gefahren sorgten, waren sie automatisch verpflichtet, mit Härte und 'Gefühlslosigkeit' vorzugehen, damit sie und ihre Familie überleben konnten. Jahrtausende später, am Ende des 18. Jahrhunderts erleben wir dagegen eine Epoche der Kunst und Poesie, eine Epoche, die zum größten Teil von Männern geprägt war, die jedoch nicht das heutige, typische 'emotionslose' Männerbild wiederspiegelten - Die Epoche der Romantik. Sie war sicherlich eine revolutionäre Wende, die sich im Rahmen der Kunst, Literatur, Philosophie und weiteren Gebieten zu wachsen begann.

Mit Beginn der Globalisierung wurde jedoch ein neues Menschenbild erschaffen, das stark von der Wirtschaft und ihren enormen Fortschritten determiniert war: das Homo oeconomicus. Der gewinnorientierte Mensch ist mehr als je zuvor an Geld gebunden, der berufliche Druck steigt, die Sozialisation formt sich in neuen Werten um, die nun "an die heutigen Zeitumstände" angepasst sind. Und das mit Konsequenzen. (Es geht hierbei überhaupt nicht darum, ein Urteil zwischen zwei Geschlechter zu erörtern oder das heutige Männerbild als benachteiligt zu repräsentieren, sondern vielmehr um die Folgen dieses angehenden Prozesses.) Die Frage, die ich uns allen in diesem Artikel ans Herz legen möchte, lautet: Inwieweit akzeptiert die heutige Welt die natürlichen Gehörigkeiten der 'Männlichkeit'? Und die Antwort ist klar: unzureichend. "Das Scheitern ist im Lebenslauf eines Mannes nicht vorgesehen. Für Männer gilt immer noch die Regel: durchhalten, tapfer sein, nicht nachlassen."


by Brandon Kidwell
"Es hat Jahrhunderte gedauert,
bis man die Weiblichkeit als solche anerkennen lernte.
Und verschuldet waren all die Männer
die sich hinter den Masken ihrer Rationalität versteckten.

Und es wird Jahrhunderte dauern,
bis man die Männlichkeit als solche anerkennen lernt.
Und verschuldet werden all die Frauen sein
die den Abgrund ihrer Männer nicht tolerierten.

Verzichtet auf Kummer und Freude
Verbannt wird der einsame Mann
das verwischte Gemälde
fällt aus dem veralteten Rahmen
ins Auge der Gefangenschaft:
Aufstehen, Standhalten, Weiterleben!

Die Holzhütte geborgt die verlorenen Passagiere
der Eisenmann die verlierende Familie
Die Konnotation ist nicht gleich Assoziation 
und ich verwechsle mich bewusst mit einem Dichter der Aufklärung.
Auf der Suche nach der aufgegebenen Freiheit des Inneren,
nach der man sich eine Ewigkeit gesehnt hat.. ."

Hamburg, Juni 2016

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